“Du spürst die Änderungen in der Luft” - Interview mit dem ukrainischen Zensurgegner Alexandr Wolodarskij

22.jpgAlexandr Wolodarkij wurde im November bei einer Aktion vor der Werchnowa Rada, dem ukrainischen Parlament, verhaftet. Er hatte mit einer anderen Aktivistin nackt einen Geschlechtsakt imitiert, um auf die erstarkende Zensur des ukrainischen Staates hinzuweisen. Nach seiner Verhaftung drohen Wolodarkij bis zu fünf Jahre Haft, weil ihm nach Artikel 2 des Paragrafen 296 („durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ / Landfriedensbruch) der Prozess gemacht wird. Nach anderthalb Monaten in Untersuchungshaft kam Wolodarskij, der unter dem Namen Shiitman bloggt, jetzt frei. Der Prozess gegen ihn geht weiter. Menschenrechtsgruppen bezeichnen den Prozess als unangemessen und unverhältnismäßig.

In der Ukraine wird seit 2008 wieder vermehrt zensiert. In Deutschland hat man davon bis jetzt kaum etwas mitbekommen. Gegen welche Inhalte richtet sich die Zensur und wie wird sie begründet?

Es gibt drei Richtungen der Zensurtätigkeit: Sexualität, Gewalt und „politische Inkorrektheit“. Pornographie wird offiziell als gemeingefährliche Erscheinung in eine Reihe mit Rechtsextremismus gestellt, erotische Kunstwerke werden oft als Pornographie bewertet. Es werden auch Filme und Bücher verboten, die eigentlich sehr wenig mit Erotik zu tun haben, zum Beispiel Film „Bruno“ mit Sasha Baron Cohen. Die Moralisten sehen in diesem Film „Propaganda für Homosexualität“, die aus ihrer Sicht unmoralisch ist. Die Logik ist ganz einfach: Homosexualität ist eine Perversion und Perversion ist Pornographie. „Hostel 2“ von Quentin Tarantino und „The Saw 6“ wurden auch für unzulässig erklärt, weil sie gewalttätige Szenen enthalten.

Oder ein anderes Beispiel: das deutsche Buch „Zeig Mal“ (sexuelle Aufklärung für Kinder) wurde als Kinderpornographie bewertet und das beste ukrainische Internetkulturportal http://proza.com.ua, das ein Paar Illustrationen daraus veröffentlicht hatte, wurde geschlossen und der Autor, der momentan ausgewandert ist, wurde verfolgt. Mich erinnert das an die englische TV-Serie „Monkey Dust“. Der Paedofinder General würde bestimmt einen Job in der ukrainischen Moralkommission bekommen.

Es werden auch Bücher von ukrainischen Autoren zensiert, sie müssen erotische Szenen „anständig“ machen oder werden einfach nicht publiziert. Die meisten Buchverlage wollen nicht vor Gericht gestellt werden, und vernichten deshalb die vermeintlich gefährlichen Auflagen selbst.

Man kann nicht sagen, dass die Moralkommission nicht angreifbar wäre: ein Bündnis von Buchverlagen und Autoren könnte sie überwinden, aber die Leute sind zu feige und zu passiv. Glücklicherweise ändert sich die Situation gerade, der Freisinn wird in den intellektuellen Kreisen wieder wichtiger.

Die politische Korrektheit (Political Correctness) ist auch ein interessantes Thema, denn sie kann potenziell als Mittel der politischen Unterdrückung verwendet werden. In der Moralkommission gibt es Mitglieder der ultrarechten Partei „Swoboda“ (das ist so etwas wie die ukrainische NPD), die gegen alles „Ukrainophobe“ hetzen. Als „ukrainophob“ kann natürlich jede kritische antinationalistische oder antiklerikale Aussage beurteilt werden. Das Ironische an der Sache ist, dass die Nazis hier Instrumente verwenden, die ursprünglich dazu entwickelt wurden, um Diskriminierung zu bekämpfen.

Die härtesten Zensurmaßnahmen werden immer mit den besten Motiven begründet. Die Moralisten begründen die Notwendigkeit der Internetzensur mit dem „Schutz der Kinder“. Dabei werden sie von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Solche Leute wissen nicht, das es schon längst parental-control software gibt, die aus der Sicht der Eltern unzulässige Inhalte, effektiv blockieren kann.

Vasyl Kostizkiy, Vorsitzender der Moralkommission, hat in einem Interview gesagt, dass Pornographie „die biochemischen Prozesse im Körper zerstört“. Das Hauptproblem ist eigentlich, dass die Leute, die sich um unsere moralische Gesundheit sorgen, dumm und ungebildet sind. Mit einem schlauen und niederträchtigen Mensch kann man sich immer irgendwie vereinbaren, so einen „Bösewicht“ kann man logisch beeinflussen. Aber böse dumme Menschen sind unvorhersehbar und darum gefährlich.

Die „orangene Revolution“ wurde hier als Sieg der Demokratie, der Freiheit und der Bürgerrechte gefeiert. Warum kommt genau in dieser Phase der Ukraine jetzt die zunehmende Zensur?

Das sogenannte „Moralgesetz“ wurde im Jahr 2004 noch vor der Orangenen Revolution verabschiedet. Aber wie es oft in der Ukraine passiert, wurde das Gesetz praktisch nicht angewandt. Die Kommission hat nur formale Funktionen erfüllt, bevor Vasyl Kostizkiy ihr Vorsitzender wurde und seinen moralischen Kreuzzug begann. Das Problem ist: die Leute sind von der Orangenen Revolution enttäuscht. Für die Mehrheit der ukrainischen Intelligenz ist es heute nicht mehr en vogue politisch aktiv zu sein, während das einfache Volk immer noch Angst vor der Freiheit hat. Viele Menschen verhalten sich noch immer wie im Stalinismus und denken, dass die Demokratie eine Provokation sei. Das merkt man, wenn man mit Menschen aus bildungsfernen Schichten spricht, die immer noch ein großen Anteil an der Bevölkerung in der Ukraine haben. Außerdem gibt es die Vorbilder Russland und Weißrussland, wo es zwar viel weniger bürgerliche Freiheiten gibt und Menschenrechte ständig verletzt werden, aber die soziale und wirtschaftliche Situation stabiler ist. Es steckt irgendwo im Unterbewusstsein der Menschen, dass man die Freiheit gegen Wohlstand opfern muss. Europa spielt als Vorbild keine so große Rolle. Viele Leute glauben einfach nicht, dass man in der Ukraine europäisch leben kann. Das wird wie eine Utopie gesehen. Außerdem war die europäische Integration ein Motto der orangenen Revolution. Alles was diese Revolution angeht, ruft mittlerweile Abneigung bei den Menschen hervor.

Außerdem darf man nicht übersehen, dass die Rechtsradikalen stärker geworden sind. Die Politik von Viktor Justschenko, der versucht hat das Volk mit liberal-nationalistischen Parolen zu vereinigen, hat unvorsichtig den Weg für Neonazis geebnet. Moral ist ein beliebtes Thema für alle Nazis, wie schon Wilhelm Reich bemerkt hat, bevor er verrückt wurde. Während die Kommission staatlichen Druck von oben ausübt, greifen die Straßennazis Galerien, Schriftsteller und Journalisten an, die man gesetzlich nicht erreichen kann.

Welche staatlichen Stellen sind verantwortlich für Zensur und wie kann man sich so einen Zensurvorgang vorstellen? Wie läuft das ab?

Wie ich schon gesagt habe, die Hauptursachen sind menschliche Furcht und Gemeinheit. Es gibt von Seiten des Staates die „Nationale Kommission für Fragen des Schutzes der Moral“, kurz gesagt die „Moralkommission“. Diese Kommission ist befugt zu beurteilen, welche Kunstwerke moralisch und welche unmoralisch sind. Jeder Mensch darf eine Anfrage in die Kommission schicken, um eine Expertenmeinung zu bekommen. Autoren und Buchverlage sind also nicht verpflichtet ihre Werke dort vorzulegen. Aber jeder Bürger darf bei der Zensur mitmachen und damit andere denunzieren. Auch so können unerwünschte Autoren Opfer der Zensur werden.

Die Kommission kann dann ein Buch als nicht zulässig einstufen. Damit wird es aus dem Verkauf genommen. Wie ich oben schon gesagt habe: die meisten Buchverlage und Händler wollen keine Probleme haben und beugen sich dem Druck der Moralkommission.

Eigentlich ist Zensur durch die ukrainische Verfassung direkt verboten. Die Aktivitäten der Moralkommission sind also gar nicht legitim, obwohl sie eine staatliches Organ darstellt. Sie ist eigentlich ein Papiertiger, aber zu viele Ukrainer haben Papierherzen.


Welche politischen Gruppierungen befürworten die Zensur? Gibt es Zusammenhänge zwischen Korruption und Zensur?

Das ist eine interessante Frage, denn eigentlich gibt es in fast allen Parteien Anhänger und Gegner der Zensur. Die Ultrarechten, vor allem „Swoboda“ unterstützten die Zensur, viele - aber nicht alle - Mitglieder von BjuT (Block Julia Timoschenko) unterstützen sie auch. Die ehemalige Premierministerin, Julia Timoschenko hat oft von der „Diktatur des Gesetzes“ und der „Stärkung der Moral“ gesprochen. Viktor Justschenko, dagegen, war nie ein Anhänger der Moralkommission, ist aber auch nicht aktiv gegen sie aufgetreten. Die Position der Regionenpartei, deren Anführer Viktor Janukowitsch gerade zum Präsidenten gewählt wurde, ist unklar.

Der Zusammenhang zwischen Korruption und Zensur wird offenbar, wenn man die Macht hat zu entscheiden, welche Produktion „pornographisch“ und damit unzulässig, und welche einfach „erotisch“ und damit zulässig ist. Diese Macht wird dann als Druckmittel verwendet. Man kann in Zusammenarbeit mit der Miliz unerwünschte Geschäfte oder Websites ganz einfach schließen oder ein Bestechungsgeld von ihnen bekommen. Ich persönlich kann keine nachweisbaren Beispiele für solch eine Erpressung geben, aber eine Sache weiß ich ganz genau: in der Ukraine sind die Begriffe Macht und Korruption Synonyme.

In wiefern richtet sich die Zensur gegen politische Inhalte?

Man sollte festhalten, dass die Ukraine keine Diktatur ist. Das Land ist zwar durch und durch korrumpiert und die Beamten handeln willkürlich. Wir haben aber noch keinen Totalitarismus, es gibt keine Einheit der autoritären Kräfte, denn die Bürokraten kämpfen miteinander um die Macht und stören sich untereinander. Aber wenn eine politische Macht die Möglichkeit zu zensieren bekommt, versucht sie diese natürlich auch zu anzuwenden. Bis jetzt kann ich - zum Glück - keine erfolgreichen Beispiele einer rein politischen Zensur nennen. Man muss aber die Wörter von Vasyl Kostizkiy im Kopf behalten. Er hat in einem Interview deutlich gesagt, dass die Kommission die „Ukrainophobie“ bekämpfen wird. Wie ich schon bemerkt habe, als antiukrainisch kann man jede antinationalistische Aussage beurteilen.

Rassismus und Nazis sind in der Ukraine offiziell verboten, aber Nationalismus wird staatlich gefördert. Wenn also ein Nazi in der Ukraine kein Hakenkreuz trägt, ist er überall willkommen - auch in der Moralkommission. Ein Beispiel ist der bekannte ukrainische Schauspieler und Politiker Bogdan Benjuk, der in der Öffentlichkeit antisemitische Anekdoten erzählt und von Blutreinheit spricht. Er ist ein ein Mitglied der Kommission. Wenn wir in der nächsten Zeit das Gesetz nicht ändern, haben die so genannten „Ukrainophoben“ eine sehr traurige Zukunft.

ukrainezensur284px.jpgIn der Ukraine wurde vor kurzem das so genannte „Gesetz 404“ eingeführt. Es regelt, dass alle Kommunikationsverbindungen protokolliert werden. Außerdem sollen die Internetnutzer alle Inhalte, die angeblich gegen ein Gesetz verstoßen, bei den Behörden melden. Welche Auswirkungen hat diese Mischung aus Vorratsdatenspeicherung und Denunziation?

Ich glaube, das das Gesetz 404 noch keine weitreichenden Auswirkungen in der nächsten Zeit hat, denn die Ukraine ist momentan technisch nicht in der Lage das Internet zu kontrollieren. Und wenn man versucht irgendwelche Instrumente dazu entwickeln, wie z.B eine „Große Firewall“ wie in China, dann wird das eher ein großes Geldwäschegeschäft werden, das nichts bringen wird. Es ist schon sonderbar, aber Korruption schützt uns manchmal vor der totalen Kontrolle. Dieses Gesetz kann aber potenziell dazu verwendet werden, um Internetprovider zu erpressen. Und auch Privatpersonen sind verunsichert, da die Miliz den Menschen immer wieder Dinge unterschiebt. So passiert das zum Beispiel mit Drogen. In Zukunft könnte das auch mit Pornografie passieren.

In Deutschland ist wenig über die ukrainische Blogosphäre bekannt. Bloggen viele Ukrainerinnen und Ukrainer? Welche Social Networks sind populär? Wird Twitter genutzt?

Die ukrainische Blogosphäre kann man kaum von der Russischen trennen. Viele Ukrainer schreiben auf russisch. Ukrainisch und russisch sind sehr nah verwandte Sprachen und wenn man sich nicht mit dem nationalistischen Zeug aufhält, dann kann man ganz gut beide Sprachen verstehen.

Livejournal war immer die Plattform für Blogger aus der ehemaligen Sowjetunion. Im Westen ist Livejournal mehr ein Service für Teenager gewesen, aber in Russland und Ukraine ist es eines der wichtigsten elektronischen Medien. Viele Politiker, fast alle Journalisten und viele Celebrities haben ihr Blog dort. Heutzutage sind einige zu Standalone-Blogs oder blogger.com übergegangen. Livejournal ist leider voll von Spammern und bezahlten Bloggern, bleibt aber immer noch eine ganz wichtiger Anlaufpunkt für die ukrainische Blogosphäre. Man sollte auch lj.rossia.org nennen, eine libertärer Blogservice, der frei von jeder Art der Werbung oder Zensur ist. Ich persönlich habe ein Standalone-Blog, das weitergeleitet wird, denn der größte Anteil meiner  Leser befindet sich doch bei Livejournal. Vor einem Jahr habe ich kaum geschrieben, nach dem Gefängnis habe ich wieder aktiv begonnen: es ist ein gutes Mittel gegen die Schaffenskrise.

Die wichtigsten Sozialen Netzwerke sind die russischen Vkontakte (www.vk.kom) und Odnoklassniki (odnoklassniki.ru). Facebook wird viel seltener verwendet, auch wenn es langsam populärer wird. Fast alle Jugendliche, zumindest in den Städten, haben einen Account in einem Social Network. Auch Twitter ist in der letzten Zeit populärer geworden, es werden aber auch andere Microbloggingservices verwendet.

Gibt es in der Ukraine eine Bewegung oder Proteste gegen Zensur und Einschränkungen der Bürgerrechte?

Die Bewegung gegen die Zensur ist noch ziemlich jung, sie entsteht gerade. Bekannte ukrainische Schriftsteller haben im Januar eine Aktion gegen das Moralgesetz gemacht und viele Journalisten haben schon seit Jahren kritische Artikel darüber geschrieben. Vor einigen Tagen hat die Journalistenvereinigung eine Stellungnahme gegen die Moralkommission veröffentlicht. Im Internet ist die Livejournal-Community (http://community.livejournal.com/moral_monitor) sehr wichtig. Dort können fast alle engagierten Leute zu diesem Thema gefunden werden. Man darf auch die Bürgerrechtler nicht vergessen, die Gruppe aus Winniza, die ukrainische Filiale der Helsinki Gruppe, spielen eine große Rolle - nicht nur in dem Kampf gegen der Zensur, sondern in der Bürgerrechtebewegung allgemein.

Im November hast Du mit anderen Aktivisten vor dem ukrainischen Parlament eine spektakuläre Aktion gestartet. Was habt ihr gemacht?

Eigentlich sollte unsere Aktion ursprünglich etwas anders aussehen. Wir hätten viel mehr Leute und Requisiten gebraucht, aber viele unserer Mitstreiter sind in der letzten Sekunde abgesprungen. Also, schließlich hat die stark verkürzte und vereinfachte Version der Aktion so ausgesehen: wir kamen zur Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, und ein Freund aus Polen hat pornografische Plakate gezeigt und eine absurde Rede gehalten. Der Wortlaut der Rede war ungefähr dieser: „Wir sind in die Ukraine gekommen und haben einen Film mitgebracht, der in der ganzen Welt sehr berühmt ist. Wir wissen aber, dass es in eurem Land die Moralkommission gibt, die alle Inhalte zensieren will. Wir möchten eine Szene aus dem Film hier zeigen und fragen, ob unser Film zugelassen werden kann…“.

aktion_300px.jpgWährend dieser Rede habe ich mit einem Mädchen trotz der Kälte (Anmerkung der Redaktion: die Aktion fand am 2. November 2009 statt) einen Geschlechtsakt imitiert, und somit eine Szene aus unserem nicht existierenden Pornofilm dargestellt. Das alles haben Journalisten gefilmt und fotografiert. Kurz darauf sind aus dem Park orthodoxe Christen mit Eisenstangen herausgelaufen und haben versucht uns und die Journalisten zu schlagen. Wie ich später erfahren habe, leben die Orthodoxen in diesem Park seit Jahren, sie protestieren weil sie ihre Kirche mit Anhängern eines anderen Zweiges des orhodoxen Christentums teilen müssen. Sie dachten, dass wir Agenten dieses anderen Zweiges, oder noch schlimmer, direkt vom Vatikan sind. Dann sind Milizionäre gekommen, meine Partnerin konnte noch weglaufen als ich mit den Millizionären geredet habe.

Es war ein großer Fehler, dass ich mich bei der ukrainischen Miliz wie bei der deutschen Polizei benommen habe. Aber ich war sicher, dass unsere Aktion keine Strafverfolgung mit sich bringen würde. Also bin ich nicht abgehauen und habe meinen Ausweis gezeigt. Der Ausweis wurde mir gleich weggenommen und ich wurde verhaftet.

Wie wurde diese Aktion in der Ukraine von den Menschen aufgenommen?

Das größte Teil der Menschen hat gar nicht verstanden, worum es geht. Viele Menschen wissen nicht, dass es eine „Moralkommission“ gibt, die Zensur betreibt. Und die Leute verstehen nicht, dass Zensur etwas Schlechtes ist, und dass sie in einer Gesellschaft nicht existieren sollte, und dass man dagegen kämpfen muss. Also, die einfache Leuten haben wenig verstanden, die Meinung der Intelligenz ist viel interessanter. Viele glauben, dass die Aktion sinnlos, aber die Strafe unangemessen ist. Andere unterstützen die Idee, sind aber mit der Umsetzung nicht froh. Wieder andere unterstützen mich vollständig. Die rechten “Intellektuellen“ sind der Meinung, dass ich gelyncht werden sollte.

Es gab viele Aktionen zu meiner Unterstützung und ein großes Echo in der Presse bis hin zum Fernsehen. Ich wurde eigentlich nur deswegen vor der Gerichtsverhandlung freigelassen. Eine Sache ist ganz wichtig: nach unserer Aktion sind viele Leute, die früher eher passiv gegen Zensur waren wirklich aktiv geworden. Mit ganz unterschiedlicher Motivation. Die einen sagen „Ach, diese Narren diskreditieren die Freiheitsbewegung, wir müssen doch zeigen wie man richtig protestiert“ die anderen sagen „Sie waren tapfer genug, wir müssen doch nicht schlechter sein“. Wieder andere sehen „Oh, wenn man gegen der Zensur kämpft, kann man ins Fernsehen kommen“ und einige bemerken „Wir haben eine Zensur in unserem Staat? Wirklich? Seit wann? Man muss doch etwas dagegen machen!“ Das ist gut so. Die Leute machen etwas, oder sind bereit etwas zu machen, oder sind mindestens bereit im Internet zu schreiben, wie bereit sie sind. Dass alles bildet so einen Informationshintergrund, der sehr wichtig ist. Es passiert nichts, aber du spürst die Änderungen in der Luft. Und dann kommen sie auch.

Du wurdest nach der Aktion für zwei Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Was wirft man Dir vor?

Mir wird „durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ (Paragraf 296  des ukrainischen Strafgesetzbuches) vorgeworfen, die Höchststrafe dafür sind vier Jahre Freiheitsentzug. Ich habe aber eine gute Verteidigerin, die mir von der Helsinki-Gruppe angeboten wurde, und ich bin sicher, dass ich freigesprochen werde.

Wie ist die Situation in ukrainischen Gefängnissen? Was hast Du dort erlebt?

Die Situation in den ukrainischen Gefängnissen ist für einen Europäer schrecklich. Ich habe zum Beispiel zum Beispiel in einer Zelle gelebt, die für 20 Leute ausgerichtet ist. Diese Zelle war aber immer mit 25-35 Leuten belegt, wir mussten in Schichten schlafen und die Schlafplätze teilen. Es gab nur kaltes Wasser in der Zelle, eine heiße Dusche bekommt man einmal pro Woche. Das Essen ist nur teilweise essbar, mich haben die Pakete von draußen gerettet. Wenn ich keine Hilfe bekommen hätte, wäre alles viel schlimmer gewesen. Es war kalt, sehr kalt. Im Sommer, vermute ich, ist es sehr heiß in den Zellen. Wenn man krank wird, bekommt man Aspirin als Universalheilmittel, es ist ganz schwierig andere Medikamente zu erhalten. Ich habe das Gefängnis mit einer Lungenentzündung verlassen. Als ich einmal Nasenbluten hatte, das nicht aufhörte, konnte ich die medizinische Hilfe erst nach zwei Stunden bekommen. Dabei war ich ja fast ein VIP-Gefangener, man hat über mich in TV berichtet und in Zeitungen geschrieben, ich durfte ja nicht einfach sterben. Die anderen hatten nicht so ein Glück. Ein Mann in unserer Zelle, Viktor Nesterow, konnte nicht essen, konnte kaum selbst gehen, hat Blut gehustet und war mehr oder weniger verrückt. Wir haben den Aufsehern fünf Tage hintereinander gesagt, dass dieser Mann halbtot sei und medizinische Hilfe brauche. Sie haben nicht reagiert. Dann schließlich haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht. Das war aber schon zu spät, er ist dort gestorben.

Welche Menschenrechtsverletzungen hast Du im Gefängnis beobachten oder am eigenen Leib zu spüren bekommen?

Es ging schon auf der Miliz-Station los. Die Leute werden in Miliz gequält, ich habe einem Mann gesehen, der kaum sitzen konnte, sein gesamter Körper war eine einzige Schwellung. Er wollte erst seine Schuld nicht eingestehen, hat aber schließlich alles unterschrieben. Ich persönlich wurde nicht geschlagen, nur bedroht. Die Aufmerksamkeit der Presse hat mich gerettet.

Juristische Hilfe bekommt man einfach nicht, ich habe keine Möglichkeit gehabt, den Verteidiger selbst auszuwählen. Mir wurde ein Verteidiger aufgezwungen, der vor einigen Jahren selbst ein Milizionär in derselben Station war. Der so genannte Verteidiger hat zusammen mit dem Untersuchungsführer versucht, Geld von meinem Vater zu erpressen. Meine echte Verteidigerin von der Helsinki Gruppe konnte nicht arbeiten, sie wurde ständig gestört und nicht zu mir vorgelassen. Jetzt haben wir zahlreiche Klagen eingereicht und warten auf die Reaktion.

Es ist ja so, dass die Verfolgung unserer Aktion selbst schon eine Menschenrechtsverletzung ist. Der Untersuchungsführer Sergey Scheichet hat die schönen Worte gesagt, die ich gerne überall zitiere: „Du bist nicht in Deutschland, nicht in Europa. Niemand wird dir hier helfen“. Fast alle ukrainische Politiker sprechen von der Europaintegration als einem wichtigen Ziel. Es wird aber keine Integration geben, solange es in der Ukraine Menschen wie diesen Scheichets gibt.

Die Menschen im Gefängnis haben die wildesten Geschichten über die Milliz erzählt. Mindestens drei Leuten wurden Drogen untergeschoben. Geschlagen und gequält wurden fast alle, die kein Geständnis unterschreiben wollten. Einem Mann hat der Milizionär in Bein geschossen, nur um zu zeigen, wer hier die Macht hat.

Wie geht es weiter in deinem Fall? Was erwartest Du von dem Prozess und wann geht er los?

Ich erwarte eine vollständigen Freispruch. Eigentlich ist im ukrainischen Strafgesetz deutlich gesagt, dass politischer Protest nicht als Unfug oder Rowdytum bewertet werden darf. Wenn ukrainische Ultrarechte kommunistische Denkmale (die trotz der Ideologie einen kulturellen Wert unseres Landes darstellen) zerstören, wird das nicht als Rowdytum bewertet und diese Nazis werden freigesprochen. In meinem Fall habe ich gar nichts kaputt gemacht, niemand ist zu Schaden bekommen – und ich war noch nie zuvor angeklagt. Aus Sicht der Allgemeinheit bin ich nicht so nett wie ein Nazi, aber die Sache ist zu groß geworden, um die Argumente der Verteidigung zu ignorieren.

Eigentlich hat das Gericht schon anerkannt, dass der Untersuchungsführer grobe Gesetzesverletzungen betrieben hat. Die Sache muss weiter untersucht werden. Die Staatsanwaltschaft aber sich aber in das Appellationsgericht gewendet, um die Weiteruntersuchung nicht zu zulassen. Die Sitzung des Appellationsgerichts ist erst am 16. März.

Zensur ist überall auf der Welt ein Thema, das die Menschen bewegt. In fast allen Ländern wird versucht, das Internet und seine Inhalte stärker zu kontrollieren. Das hat zum Beispiel in Deutschland dazu geführt, dass eine große Bürgerrechtsbewegung entstanden ist, die sich gegen Vorratsdatenspeicherung und Zensur wendet. Welche Chancen siehst Du, dass sich diese Bewegungen weltweit vernetzen? Wie könnte so eine Vernetzung aussehen?

Natürlich ist eine solche internationale Vernetzung sehr sinnvoll. Man könnte Informationen und Erfahrungen miteinander austauschen und gemeinsame Strategien entwickeln.  Solidaritätsaktionen in verschiedenen Ländern sind auch immer wirksam. Solidarität ist die letzte Waffe, die uns geblieben ist. Verschiedene technische Lösungen, die Zensur effektiv bekämpfen können wie P2P-Netzwerke und Proxyserver sind nur mit internationaler Unterstützung möglich. Die Chancen einer solchen Bewegung bewerte ich ziemlich hoch, sie wird auf jeden Fall entstehen, wenn der Druck auf das Internet sich weiter verstärken wird. Wir können schon jetzt beginnen eine zusammen eine Basis dafür zu gründen, unser Organisationskomitee freut sich auf neue Kontakte.

Was können die Menschen hier machen, um Eure Bewegung für Bürgerrechte und freie Meinungsäußerung zu unterstützen?

Natürlich ist das Fakt, dass ihr über dieses Thema schreibt, schon eine große Hilfe für uns. Die Ukraine will europäisch sein, und wenn Europa deutlich zeigt, dass Zensur in der zivilisierten Gesellschaft nicht willkommen ist, wird es die Staatsmacht beeinflussen. Aufklärung über die  Situation ist am Wichtigsten. Weitere Solidaritätsaktionen wären wichtig. Auch Organisationsunterstützung wäre sinnvoll. Deutsche Aktivisten können sich hierbei auf eine längere Erfahrung stützen.

In der Ukraine wurde gerade gewählt. Was erwartest Du Dir vom neuen Präsidenten in Sachen Bürger- und Menschenrechte?

Eigentlich erwarte ich nicht viel von ihm persönlich. Der Präsident selbst wird sich mit dieser Frage kaum beschäftigen. Wenn es politisch genehm ist, werden sie die Menschenrechte beschützen, wenn es günstig sein wird, sie weiter zu unterdrücken, werden sie sie unterdrücken. Unsere Aufgabe ist es, den Politikern zu zeigen, dass Zensur für sie keinen Gewinn bringt und immer nur ein Verlust ist. Aber Machtwechsel bringen immer Änderungen, hoffentlich können wir diese Veränderungen zu unserem Vorteil nutzen.


Foto 1: http://vcrc.ukma.kiev.ua/uk/publications/revolution-and-sex
Foto 2: Logo der ukrainischen Vorratsdatenspeicherungsgegner
Foto 3: Michail Kamenjev

Gemeingüter-Report: Sind die fetten Jahre der Privatisierung von Gemeingütern wirklich vorbei?

Ich war gerade eben bei der Präsentation des Gemeingüter-Reports. Grundsätzlich finde ich den Report sehr gut, denn er erklärt auf sehr verständliche Weise, was es mit Gemeingütern so auf sich hat, was wir machen können und wie das alles funktioniert. Simon Columbus hat auf boell.de eine gute Zusammenfassung des Reports geschrieben, die ich hier einfach mal teilweise zitieren möchte:

Was sind Gemeingüter? Heinrich Popitz erklärt es am Beispiel von Liegestühlen auf einem Kreuzfahrtschiff. Es gibt weniger Plätze als Passagiere, doch solange die Liegen frei werden, sobald jemand aufsteht, und die Urlauber sich immer wieder abwechseln, kommen alle in den Genuss der Sonne. Beginnt jedoch eine Gruppe, Liegestühle dauerhaft in Beschlag zu nehmen, bricht diese Ordnung zusammen. Die Mehrheit der Passagiere hat das Nachsehen.

In dem Gleichnis sind Liegestühle eine begrenzt verfügbare Ressource - so wie Wälder oder Fischgründe. Anfangs werden sie als Gemeingüter verwaltet. Sie stehen niemandem allein zu. Doch wenn keine fairen und nachhaltigen Nutzungsrechte an diesen Dingen ausgehandelt oder diese Regeln gebrochen werden, leidet die Lebensqualität der Gemeinschaft. Im Miteinander und nicht im Gegeneinander müssen also tragfähige Lösungen gefunden werden.

Gemeingüter lassen sich in vielen Bereichen schaffen. Die Autoren des Reportes stellen vier Kategorien auf: In der Natur sind es unter anderem Luft und Wasser, Böden und Wälder; im Sozialen Plätze und Parks, Sport- und Freizeittreffs, aber auch Feierabend und Ferien. Sprache, Gebräuche und Wissen sind kulturelle Gemeingüter. Eine besondere Rolle spielen Gemeingüter im digitalen Raum, wo Software, aber auch Videos, Bilder und Texte häufig als Gemeingüter behandelt werden.

Gemeingüter setzen sich aus drei Grundbausteinen zusammen: Den Ressourcen, den Menschen sowie den Regeln und Normen. “Die Idee der Gemeingüter ist ohne die Bindung an konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen nicht denkbar”, erklärt der Report: Menschen nehmen die “Baustoffe” in Anspruch.

Regeln und Normen ermöglichen es, diese Komponenten zu verbinden. Sie sollten weitgehend von der Gemeinschaft der Nutzer einer Ressource selbst bestimmt werden. “Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis vom Umgang mit einer Ressource entwickelt”, schreiben die Autoren. Der Historiker Peter Linebaugh bezeichnet diesen sozialen Prozess der Institutionalisierung von Gemeingütern als “commoning”.

Der Gemeingüter-Report könnt ihr an gleicher Stelle downloaden. Er liefert wirklich gutes Basiswissen, vor allem auch für andere Bereiche als Creative Commons.

Das war aber auch ein Problem in der Diskussion. Die Autor_innen machen für meinen Geschmack zu wenig Unterschiede zwischen materiellen und immatriellen Gemeingütern. Es mag politisch vernünftig sein hier keine Abstufungen zu machen, doch vielen Menschen wird sich genau deswegen der Sinn nicht erschließen: denn wenn die Erdbeeren oder Kartoffeln gegessen sind, dann sind sie weg. Das ist nun einmal fundamental anders als bei Musik, Fotos, Wissen oder freier Software, die eben nach Verwendung immer noch genauso da sind - und einfach nicht weniger werden.

Ich denke, dass die Menschen über die Nutzung von immatriellen Gemeingütern für Gemeingüter allgemein begeistert werden können. Wenn ich Fotos für mein Blog nutzen kann, die ein anderer Menschen irgendwo gemacht hat, wenn ich Plakate remixen kann und Flyer auf Grundlage meiner und fremder Kreativität basteln kann - und meine Erzeugnisse wieder der Allgemeinheit zur Verfügung stelle, dann wird mir klar, warum das alles Sinn macht.

Vielleicht sollten wir genau dort anfangen, wo zum Beispiel die Content-Industrie Güter künstlich verknappt, sie in Copyrights und Kopierschutz zwängt und die Menschen mit Klagen überzieht. Hier entsteht ein Widerspruch, den die Menschen nur ungern hinnehmen.

Damit kommen wir zu einem weiteren Kritikpunkt an der gut besuchten Veranstaltung: für meinen Geschmack war das Podium zu homogen besetzt. Hier wäre es schon schön gewesen, einen Vertreter auf der Bühne zu haben, der erklärt, warum er Gemeingüter für falsch oder eine kleine Nische hält. Denn in der Realität wird ja Tag für Tag aus der klassischen Wirtschaft heraus gegen freie Software, Musik und dem Gencode von Pflanzen agiert. Es wird seit Jahren versucht, Allmende zu privatisieren, zu verwerten und damit der gemeinsamen und fairen Nutzung zu entziehen. Es wäre interessant gewesen, diese Position auch zu hören. Auch wenn ich sie ablehne.

Dieses kleine 52-seitige Buch ein guter Anfang, um die stärker werdende Bewegung der Commons zu unterstützen. Das sagte dann auch Silke Helfrich: “Wir wollen das Thema in eine breitere Öffentlichkeit tragen.” Recht hat sie, denn wir stehen erst am Anfang.

Ich habe Silke Helfrich übrigens am Wochenende zum Thema interviewt. Weitere Rezensionen des Reports gibt es auf heise.de und bei kooptech.

“Geistige Eigentumsrechte sind wie eine Enteignung der Menschen” - Interview mit Silke Helfrich über den Gemeingüter-Report

Abbildung Gemeingüter, CC-BY-SA Gemeingueter Report, Heinrich-Boell-Stiftung

Silke Helfrich ist eine der Autor_innen des Gemeingüter-Reports. Sie lebt und arbeitet derzeit als freie Publizistin in Jena und betreibt seit 2007 unter www.commonsblog.de ein deutschsprachiges Blog zum Thema Gemeingüter.

Ihr stellt am Montag den Gemeingüter-Report vor - was kann man sich darunter vorstellen?

Der Gemeingüter-Report ist eine Broschüre, die Lesespaß und Durchblick bringt in einer Debatte, die normalerweise als “komplex” bezeichnet wird. Sie behandelt Software und Saatgut, Medikamente und Waldkaffee, öffentliche Plätze und das Urheberrecht. Wir schreiben darüber, wie das alles zusammen geht.

Wir erklären, was es mit den Gemeingütern (commons) auf sich hat. Wir erzählen mit Geschichten aus aller Welt, wofür wir sie brauchen und was sie von öffentlichen Gütern unterscheidet. Vor allem aber geht es uns darum, wie wir so wirtschaften, leben und produzieren können, dass Gemeingüter nicht den Bach runtergehen.

Wir nennen diese Produktionsweise in Anlehnung an Yochai Benklers Commons based Peer Production “Gemeine Peer Produktion”. Warum “gemein”? Weil es uns von der ersten bis zur letzten Seite um die Wiederentdeckung des “uns gemeinen” geht, also der Dinge, auf die wir alle ein Anrecht habe. Die zwar nicht einfach “allen” und schon gar nicht niemandem”, aber auch nicht einem Einzelnen gehören.

Du machst selbst das commonsblog. Was begeistert Dich persönlich an Gemeingütern?

Eine ganze Menge. Ich erinnere mich an das erste AHA-Erlebnis. Wir hatten eine argentinische Softwareaktivistin zu einer “Ökokonferenz” eingeladen. Das war 2004 in Mexiko City. Sie hörte sich zwei Tage lang die Vorträge “der Ökos” an. Lernte viel darüber, dass Saatgut nicht mehr so genutzt werden kann, wie das über Jahrhunderte der Fall war. Immer neue so genannte “Geistige Eigentumsrechte” schoben dem einen Riegel vor. Wir alle hatten dank der aktuellen Arbeiten von James Boyle einen Begriff dafür wiederentdeckt: die “enclosure of the commons”, die Einhegung der Gemeingüter. Und wir lernten, dass dieser Prozess schon seit Hunderten von Jahren von statten ging und in immer tiefere Schichten von Leben und Wissen vordrang. Die “enclosure of the commons” ist wie eine Enteignung der Menschen, sie verlieren die Kontrolle über all jene Dinge, die sie zum Leben brauchen.

Gegen Ende der Konferenz stand dann besagte Softwareakivistin auf der Redeliste. Sie klappte ihren Computer auf, warf ein Dia an die Wand und fragte: “Für wen arbeitet Ihr Computer?” … dann kam ein wahrer Feuerwerksvortrag darüber, dass man Code und Kulturtechniken heute auch nicht mehr so nutzen darf, wie das seit Jahrhunderten der Fall war. Die Parallelen waren augenöffnend. Mir hat das ermöglicht, plötzlich auf Debatten zu schauen, die ich früher für “zu kompliziert und zu technisch” gehalten habe.

Es ist, als habe man eine neue Brille auf und entdecke die Welt jeden Tag neu. Jeden Tag eine neue Geschichte über die “Einhegung der Gemeingüter”, aber auch jeden Tag ein Mutmacher. Über Menschen, die sich ihre Autonomie zurück erobern. “Jenseits von Markt und Staat”, wie wir gern sagen. Jenseits heißt für mich, darüber hinausweisend, wieder Unabhängigkeit von den Zwängen des Marktes gewinnen und den Staat immer da in die Schranken verweisen, wo er zum Verhinderer einer Gemeingüterkultur wird. Und das ist leider ziemlich oft der Fall.

Sich mit dem Thema zu befassen wirkt wie ein Antidepressivum - im Gegensatz zum deutschen Urheberrecht, das offenbar Museumsleute und Archivare (und nicht nur die) depressiv macht. Das Urheberrecht istleider ein beliebtes Instrument der Einhegung der Gemeingüter geworden. Wir müssen unseren Blick für diese Instrumente schärfen…

Gemeingüter - und vor allem Creative Commons - sind ja bei Bloggerinnen und Bloggern recht bekannt. Wie können die Gemeingüter in der Gesamtbevölkerung einen höheren Stellenwert bekommen?

Nun, Creative Commons (genauer - einige CC Lizenzen) sind zunächst ein Instrument, das uns hilft, Wissen und Kultur frei zu halten. Ein Instrument, das dafür sorgt, dass unsere Nutzungsrechte an den Schätzen, den niemand wirklich individuell geschaffen hat (wir schöpfen immer aus der Allmende, egal was wir tun) nicht übermäßig eingeschränkt werden.

Die Idee der Gemeingüter ist aber mehr als eine Ansammlung von Instrumenten. Für mich ist es eine Weltsicht, in dem viele der politischen Auseinandersetzungen und Paradigmen der letzten Jahrzehnte zusammen laufen. Und diese Weltsicht müssen wir stark machen. Damit das gelingt, brauchen wir einen starken Begriff. Deshalb haben wir den Report geschrieben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Termin:
Die Vorstellung des Gemeingüter-Reports findet am Montag, den 22. Februar um 19.30 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin statt. Nach der Präsentation besteht die Möglichkeit zur Diskussion.

Wir werden den Gemeingüter-Report in einem gesonderten Artikel noch vorstellen. Mit dem Gemeingüter-Report beschäftigen sich auch die Donutpiraten.

Abbildung CC-BY-SA Gemeingüter-Report, HBS

Zensur-Gesetz sofort aufheben

Bundespräsident Hotte Köhler hat heute das so genannte Zugangserschwerungsgesetz unterzeichnet und damit die Einführung einer Zensurinfrastruktur ermöglicht. Deswegen wurde heute abend auch direkt vor dem Schloss Bellevue demonstriert. Ungefähr 100 Menschen hatten sich nach nur zweistündiger Mobilisierung eingefunden. Auf Twitter schoss der Hashtag #zensursula sofort wieder nach oben, die Mobilisierung scheint noch zu klappen.

Der AK Zensur hat eine Stellungnahme herausgegeben:

Über die Entscheidung zur Ausfertigung des Internet-Sperr-Gesetzes sind wir enttäuscht. Trotz erheblicher verfassungsrechtlicher Bedenken aller Experten hat der Bundespräsident am heutigen Tage das Zugangserschwerungsgesetz unterzeichnet. Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie jetzt, wie angekündigt, umgehend die Initiative zur Aufhebung dieses gefährlichen Gesetzes ergreift. In einem Aufhebungsgesetz müssen alle Grundlagen für eine Internet-Zensur-Infrastruktur außer Kraft gesetzt werden.

Dem kann man sich nur anschließen. Ich bin ja mal gespannt, wie die Pseudo-Bürgerrechtler der FDP jetzt auftreten. An die Oppositionsparteien kann man nur appellieren, dass sie jetzt möglichst schnell ein Aufhebungsgesetz auf den Weg bringen, das eine Mehrheit finden kann. Die Linkspartei hat ja schon mal vorgelegt (hier als PDF).

Klar ist: dieses Gesetz muss weg. Und zwar schnell.

Am kommenden Montag um 13 Uhr ist übrigens die Anhörung zur Petition von Franziska Heine. Wer da noch Zeit hat, kann ja mal vorbeischauen.

Blockadesong: Karen Eliot & The Antifa Swingers

Dresden Neustadt 2010 - Blockadesong from antifaswingers on Vimeo.

“Dresden Neustadt 2010″ von Karen Eliot & The Antifa Swingers. Nachtreten kann so schön sein.

Oberverwaltungsgericht erlaubt Nazidemo in Dresden-Neustadt, Polizei sabotiert linke Busse

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Wie vermutet, überschlagen sich jetzt im Vorfeld des 13. Februar die Ereignisse.

Dresden-Nazifrei.com schreibt:

Das sächsische Oberverwaltungsgericht in Bautzen hat soeben entschieden, den Naziaufmarsch nach Dresden-Neustadt zu verlegen. Die Stadt Dresden scheitert damit erneut mit ihrer Begründung des polizeilichen Notstands für die Beschränkung der Nazidemo auf eine Kundgebung. Auftaktkundgebungsort für die Nazis ist der Schlesische Platz vor dem Bhf. Neustadt.

Das bedeutet für Gegendemonstrant_innen, dass sie sich mal vor allem diese Karte ausdrucken sollten. Der Aufmarschort ist aus politischen Gründen unerträglich, da von diesem Bahnhof aus, Menschen in KZs deportiert wurden. Eine Gedenkplatte erinnert an das Schicksal dieser Menschen.

Außerdem versucht die Polizei die Busse des Bündnisses “Dresden nazifrei” zu blockieren, das berichten mehrere linke Gruppen und die taz. Die Strategie der Nazihelfer in Grün sieht dabei so aus, dass sie im Vorfeld Busunternehmer anruft und ihnen erzählt, dass es zu gefährlich sei nach Dresden zu fahren. Als Begründung dienen herbeiphantasierte Krawalle mit denen die Polizei versucht, Menschen an ihrem Demonstrationsrecht zu hindern.

Als wäre das nicht genug, wird vermutet, dass die Staatsbüttel die Busse bei der Anreise in langwierige Kontrollen zu verwickeln versuchen. Hierfür hat die Polizei nach Angaben der taz bis zu 2500 (!) Beamte abgestellt. Auch hier wird wohl versucht werden, das Demonstrationrecht gezielt und strategisch auszuhebeln. Die Rechnung der Polizei ist einfach: jeder Bus, der schon auf der Autobahn abgefangen wird, bedeutet weniger Teilnehmer auf der Gegendemo.

Informiert Euch auf www.dresden-nazifrei.com über die aktuellsten Entwicklungen.

Foto: CC-BY-NC-ND Andy Cummingham

Wenn Blicke töten könnten

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Ich bin bei der Bildrecherche mehr oder minder zufällig über diese großartigen Bilder von südafrikanischen Frauen gestoßen, die Obst an der Straße verkaufen. Die hier Fotografierte hatte nun wirklich keine Lust abgelichtet zu werden. Kann ich verstehen.

Foto: CC-BY-NC-ND I am Kat.

Überblick: Internetzensur via Jugendmedienschutz

Kindernet
Der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (hier das PDF) ist in seiner jetzigen Form ein Einfallstor für Netzzensur. Wir wollen hier mal einen Überblick über das Gesetzesvorhaben der Länder und den Stand der Diskussion geben. Viele der Bedenken kann man in der Stellungnahme des AK Zensur nachlesen. Der Internet Service Provider 1&1 in seinem Blog unter dem drastisch-angemessenen Titel “Das Ende der freien Kommunikation im Internet”:

Der Entwurf gibt nun aber zu der begründeten Sorge Anlass, dass Host- und Access-Provider zur Überwachung und Filterung der Daten verpflichtet werden sollen, die sie für Dritte speichern bzw. zu denen sie lediglich den Zugang zur Nutzung vermitteln. Dies spiegelt sich in diversen Vorschriften des Änderungsvorhabens wieder. Im Namen des Jugendmedienschutzes könnte es daher mit dem JMStV-E zu einem Paradigmenwechsel kommen, der die freie Kommunikation im Internet in Frage stellt. Die Verpflichtungen, die ohne jede Abstufung nach Zugriffsmöglichkeiten auf Angebote vorgesehen sind, würden faktisch den Aufbau einer Filterinfrastruktur für das gesamte Internet erfordern.

Thomas Stadler sieht Deutschland mit der vorgesehene Verpflichtung technischer Dienstleister auf dem Weg nach China:

Gerade die sich deutlich verstärkende Tendenz, technische Dienstleister als Hilfsorgane zur Kontrolle von Inhalten heranzuziehen, geht zwangsläufig mit einem massiven Eingriff in technische Normen und einer Manipulation technischer Standards einher. Dieses Konzept des Sperrens und Filterns unterscheidet sich sachlich sehr wenig von dem der Chinesen.

Kristian Köhntopp fasst daneben noch sehr wichtige Problemfelder zusammen, die in der bisherigen Diskussion untergegangen sind:

  • Die Publikation von kostenlosen, kooperativ erzeugten freien Inhalten wird aufwendiger.
  • Es wird die Überwachungs- und Zensurinfrastruktur legitimiert, die schon im Rahmen der Zensursula-Diskussion gewünscht wurde.
  • Das ganze wird am Ende ein Muster-Anwendungsfall für den elektronischen Personalausweis, der notwendig wird, um sich beim Provider und beim Site-Betreiber für den Internet-Zugang und den Inhaltszugriff zu legitimieren und die Bedarfsträger können endlich mit Identitäten statt IP-Nummern operieren, wenn sie ermitteln wollen.
  • Mit diesen Identitäten lassen sich auch Meldungen und ihre Weitergabe ausgezeichnet tracken, sodaß wir auch eine technische Basis für den Verteilschlüssel der Einnahmen aus dem neuen Leistungsschutzrecht haben.
  • Im Netz gibt es große Einigkeit, dass dieser Entwurf vom Tisch muss. Der Widerhall auf das Vorhaben ist groß (u.a. Netzpolitik, Nerdcore, Ingo Jürgensmann, FreieWelt.net) und es herrscht Einigkeit, dass dieses Gesetzesvorhaben so auf keinen Fall umgesetzt werden darf. Mal sehen, ob die Bundesregierung Lust auf eine zweite Zensursula-Welle hat, denn dieser Entwurf ist für die Freiheit im Netz mindestens genauso schlimm wie das so genannte Zugangserschwerungsgesetz.

    Bild: http://twitpic.com/108j2l

    Das News-HowTo


    Erstaunlich treffend für englischsprachige Nachrichten. (via boingboing)

    Webseite des World Economic Forum gefaked

    Es ist einer der besonderen Momente, wenn man einen Medienhack live miterleben kann. Um 16:50 erreichte mich überraschenderweise eine Pressemitteilung des World Economic Forums (WEF). Wie ich auf den Verteiler des WEF kommen sollte, war mir etwas unklar. Bei der Überprüfung der Website fiel mir dann auf, dass gerade zwei Seiten des WEF online sind - eine unter www.weforum.org (links) und die andere unter www.we-forum.org(rechts)

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    Foto: Original und Fälschung der WEF-Webseite

    Auf den ersten Blick sind die beiden Seiten nicht zu unterscheiden. Selbst beim Quellcode unterscheiden sich die Seiten erst sehr weit unten. Einzig der Server von we-forum.org verrät, dass da ein Internetkollektiv dahinter steckt, das auch schon mit den Yes Men zusammengearbeitet hat.

    Dem interessierten Leser dürfte jedoch auffallen, dass die in der Pressemitteilung verbreitete Message - schön gefakte Videos von Merkel bis zu Prinz Harry - so gar nicht zu Sprachregelung, Duktus und Stil des WEF passt. Denn das WEF redet üblicherweise Konflikte, Hunger und Ungleichverteilung des Wohlstands schön, während es zeitgleich natürlich immer behauptet, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Lösung ist dabei natürlich immer ein heilsbringender Kapitalismus.

    Schön gemacht ist auch der falsche Videochannel bei Youtube.

    Ein ordentlicher Medienhack braucht ja immer etwas Zeit, bis schlecht recherchierende Journalisten gefunden sind, die die Falschmeldungen übernehmen. Deswegen erscheint dieser Artikel auch erst jetzt, weil sich die Nachricht der falschen Seite gerade auch bei Twitter verbreitet. Schade, es hat wohl nicht geklappt mit dem Fake.

    Schön wäre es ja gewesen, wenn die falsche Seite echt wäre. Denn dort wird von echtem Wechsel gesprochen und nicht nur leere Hülsen verbreitet wie sonst in Davos.